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02-10_AALmagazin_Innenseiten_ALTERNATIVE:27_10_2010_ohne schatten

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AKZEPTANZ SCHAFFEN WIE AAL BEIM NUTZER ANKOMMT AUS- UND WEITERBILDUNG WELCHES KOMPETENZ -
PROFIL BRAUCHT EINE AAL-FACHKRAFT? UND WELCHE STUDIENGÄNGE GIBT ES? FLEXIBLE PFLEGE EIN NEUES MODELL
HEFT 1/2011 WWW.AAL-MAGAZIN.DE
»IN EIN GESUNDES ALTERN INVESTIEREN«
Der Einsatz von Assistenzsystemen kann zu einem Wohl fahrts gewinn f��r die ganze Gesellschaft f��hren – sagt der Gesundheits - ökonom Prof. Klaus-Dirk Henke.
das AALmagazin
Informationen zu intelligenten Assistenzsystemen f��r ein selbstbestimmtes Leben im Alter

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AUFTAKT
»Die Akzeptanz von AAL hängt von dem Wissen ��ber, aber auch von dem Vertrauen in die Technik ab.«
das AALmagazin – 1/2011
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Sie wollen auch die zuk��nftigen Ausgaben des AAL-Magazins erhalten? Sie möchten von dieser Aus- gabe weitere Exemplare oder ein größeres Kontingent zugeschickt bekommen, um das Magazin an Mitarbeiter, Kollegen, Mitglieder oder andere Interessierte zu verteilen? Sie möchten es Ihrer Verbands- oder Fachzeitschrift beilegen? Gerne stellen wir Ihnen das AAL-Magazin in der gew��nschten Menge kostenfrei zur Verf��gung. Kontaktieren Sie uns!
HEALTH-CARE-COM GmbH Hanauer Landstraße 135-137, 60314 Frankfurt/Main
info@aal-magazin.de, Telefon: +49 (0)69 405631 157, Telefax: +49 (0)69 405631 105
INTERESSE?
Liebe Leserin, lieber Leser, mit dem AAL-Magazin möchten wir Sie ��ber aktuelle Entwicklungen aus dem Bereich technische Assistenzsysteme informieren und ihren Beitrag f��r ein gesundes, selbstbestimmtes und mobiles Leben in einer reifen Gesellschaft noch bekannter machen. Das war bei der ersten Ausgabe vor etwas mehr als einem Jahr und das ist auch bei dieser dritten Ausgabe der Fall. Tatsächlich hat sich AAL in dieser Zeit enorm entwickelt: Neue innovative Produkte sind auf den Markt gekom- men, Akteure haben sich weiter vernetzt und Lösungen f��r viele Fragen – von Geschäftsmodellen bis zur Standardisierung – haben sich konkretisiert. Gleichwohl haben Assistenzsysteme noch immer einen Weg vor sich, bis sie in der Breite selbstverständliche Alltagsbegleiter sind. In unserer Expertenumfrage gehen wir diesmal der Frage nach, ob der Name selbst der Absicht im Wege steht, die Zielgruppe erfolgreich anzusprechen. Schließlich sind weder Ambient Assis - ted Living noch seine in Deutschland leicht missverständliche Abk��rzung AAL prägnante und sich selbst erklärende Begriffe. Das war und ist bei Bezeichnungen wie www, Domain, WLAN oder GPS allerdings nicht anders. In diesen Fällen jedoch haben sich trotz der Sperrigkeit der Bezeichnung die dahinter steckenden Anwendungen durchgesetzt, bei Jung ebenso wie bei Alt. Das bedeutet sicherlich nicht, dass der Name einer Technik egal ist. Es lehrt aber, dass es in erster Linie darauf ankommt, die Zielgruppen von dem konkreten Nutzen zu ��berzeugen – also sp��r- und erlebbar zu machen, dass die Technik das Leben vereinfachen und verbessern kann. Mehrere Beiträge dieser Ausgabe widmen sich der verwandten Frage, nämlich wie die Möglich- keiten von AAL in der Praxis an die Adressaten vermittelt werden. Hierbei zeigt sich, dass es auf privater Ebene oft entscheidend auf die Angehörigen der eigentlichen Nutzer ankommt; und dass auf professioneller Ebene vielfältig qualifizierte „Vermittler�� in Form von AAL-Fachkräften wichtig sind. Denn der Erfolg von Assistenzsystemen hängt nicht nur von dem Wissen ��ber die Technik ab, sondern auch von dem Vertrauen in eben diese. Ambient Assisted Living steht also weiterhin vor der Aufgabe, Fragen der Technik und der Finanzierung zu lösen. Genauso wich- tig aber ist die Kommunikationsaufgabe – im Sinne einer umfassenden Information ��ber Assis - tenzsysteme von heute und morgen. Wir hoffen, mit dieser Ausgabe des AAL-Magazins dazu beizutragen, dem gemeinsamen Ziel wieder ein St��ck näherzukommen. Die Redaktion

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SPEKTRUM FORSCHUNGSFÖRDERUNG, ROBOTER UND MEHR 7
Kurzmeldungen und Nachrichten ��ber neue Entwicklungen
und Trends im AAL-Bereich
AUF EINEN BLICK AAL STUDIEREN 10
Eine Übersicht ��ber Hochschulen, an denen spezielle Studiengänge zu Ambient Assisted Living angeboten werden
WEITERBILDUNG JENSEITS DER FACHGRENZEN 12
Welches Kompetenzprofil muss eine AAL-Fachkraft haben? Und welche Abschl��sse sollten entstehen?
STORY DIE MUTTER, DIE TOCHTER UND DAS NOTRUFSYSTEM 14
Eine reale Geschichte zeigt, wie wichtig die Rolle von Angehörigen bei der Anschaffung und Anwendung von Assistenzsystemen ist
GESPRÄCH »IN EIN GESUNDES ALTERN INVESTIEREN« 18
Welche gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung haben AAL-Systeme? Fragen an den Gesundheitsökonomen Prof. Henke
UMFRAGE BRAUCHT AAL EINEN ANDEREN NAMEN? 22
Stellt die Bezeichnung Ambient Assisted Living ein Hindernis f��r die Akzeptanz von AAL-Systemen dar? Experten sagen ihre Meinung
FORSCHUNG HILFE IM RECHTEN MASS 24
In dem Projekt JUTTA wird eine individuelle und flexible Form der ambulanten pflegerischen Quartiersversorgung erforscht
GESCHÄFTSMODELL TESTEN, OB ES SICH RECHNET 26
Unter welchen Voraussetzungen wird AAL auch f��r Kranken- versicherungen interessant? Das Projekt CrossGeneration
SERVICE TERMINE UND LITERATUR 28
Aktuelle Veranstaltungen und Neuerscheinungen zum Thema Ambient Assisted Living auf einen Blick
LETZTE SEITE EINE FRAGE ZUM SCHLUSS 30
Fördert AAL eine ethische Pflege? Eine Antwort von Pastorin Dr. Esther Bollag
INHALT
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Im Jahr 2008 haben das Bundesministerium f��r Bildung und Forschung (BMBF) und der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. (VDE) die Innovationspartnerschaft AAL initiiert. Das Ziel: die Entwicklung und Etablierung von Ambient Assisted Living in Deutschland zu fördern. Entstanden ist ein interdisziplinäres Netzwerk aus technischer, sozialwissenschaftlicher und pflegerischer Forschung, Produktentwicklern, Industrie, Ökonomen, Dienstleistern und An- wendern. Die Innovationspartnerschaft AAL engagiert sich f��r einen intensiven Austausch unter allen Interessensgruppen und fördert Rahmenbedingungen f��r innovative Strategien. Auf der Basis eines gemeinsamen Verständnisses von Ambient Assisted Living sollen Ideen und Lösungen ent- wickelt werden, die im Dienste des Menschen stehen. Koordinationsb��ro • Tel. 069 6308-490 • Mail: aal@vde.com Mehr Infos unter www.innovationspartnerschaft.de
Das Netzwerk f��r Ambient Assisted Living

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DAUMEN HOCH FÜR ASSISTIERTE PFLEGE
BEKANNTMACHUNG. Im Fr��hjahr hat das Referat „Demographischer
Wandel: Mensch-Technik-Kooperation�� des Bundesministeriums f��r Bildung und Forschung (BMBF) eine Online-Umfrage zum Thema „Assistierte Pflege von morgen�� durchgef��hrt. Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmer, darunter viele Leitungskräfte wie Geschäftsf��hrer und Vorstände, Pflegedienstleiter und Professoren aus den Bereichen Technik, Pflege und Wissenschaft in der assistierten Pflege ein zentra- les Zukunftsthema sehen. Eine deutliche Mehrheit gab an, dass assis - tierte Pflege in ihrer Insitution bzw. ihrem Unternehmen von großer Bedeutung sein wird. Assistenzsystemen wird dabei eine breite Ein- satzmöglichkeit attestiert, wobei die schrittweise Einf��hrung von In- novationen auf Basis vorhandener Produkte wie Notruf oder Pflege- dokumentation bef��rwortet wird. Diese Ergebnisse waren auch Grund- lage daf��r, dass das Ministerium jetzt die Förderbekanntmachung „Assistierte Pflege von morgen – ambulante technische Unterst��t- zung und Vernetzung von Patienten, Angehörigen und Pflegekräften�� veröffentlicht hat. Gefördert werden sollen Lösungen zur Unterst��t- zung der älteren Generation in ihrem konkreten Lebensumfeld. Ins- besondere die ohnehin schon mit dauernder Leistungsverdichtung konfrontierten Pflegekräfte sollen durch den Einsatz von technischen Assistenzsystemen entlastet werden, um mehr Raum f��r menschliche Zuwendung und individuelle Ansprache zu haben. Einsendeschluss f��r das Einreichen von Anträgen ist der 26.9.2011. Mehr Infos unter www.bmbf.de|foerderungen/16658.php
MITREDEN IM BÜRGERFORUM
ZUKUNFTSTECHNOLOGIEN. Welche Gesundheit wollen wir?
Diese Frage steht im Zentrum des ersten B��rgerdialogs Zukunftstechnologien des Bundesministeriums f��r Bil- dung und Forschung (BMBF), der sich dem Thema Hightech-Medizin und hier dem Schwerpunkt Teleme- dizin widmet. Das Forum, das Anfang März gestartet ist, soll einen Austausch zwischen B��rgern, Wissenschaft und Politik schaffen. Das Portal bietet neben der Mög- lichkeit zum moderierten Online-Dialog viele Hinter- grundinformationen zum Thema Hightech-Medizin.
SPEKTRUM
Mehr Infos unter www.buergerdialog-bmbf.de
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PROGNOSE. Schon heute wird der Großteil der Pflege
von Angehörigen zuhause geleistet. Während die Zahl der Menschen, die solche informelle Pflege leis ten können, in Deutschland bis zum Jahr 2050 leicht abnimmt, könnte sich die Zahl der Pflegebe- d��rftigen bis dahin verdoppeln. Quellenbasis: Deutsche Bank Research
DIE SCHERE ÖFFNET SICH
Bei einer Online- Umfrage des BMBF hat eine große Mehrheit der Teil - nehmer die assis - tierte Pflege als zentrales Zukunfts- thema bezeichnet.
2006 2010 2020 2030 2040 2050 225 200 175 150 125 100 75 50 25 0
Pflegebed��rftige Informelles Pflegepotenzial
Das Fraunhofer-Institut f��r Software- und Systemtechnik ISST sucht
INFORMATIKER, WIRTSCHAFTSINFOR- MATIKER ODER MEDIZIN-INFORMA- TIKER ALS WISSENSCHAFTLICHE(R) MITARBEITER(IN)
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Anstellung, Verg��tung und Sozialleistungen rich- ten sich nach dem Tarifvertrag f��r den öffentlichen Dienst (TVöD). Die Stellen sind zunächst auf 2 Jahre befristet. Schwerbehinderte Menschen werden bei JOHLFKHU 4XDOLğNDWLRQ EHYRU]XJW HLQJHVWHOOW 'LH )UDXQKRIHU *HVHOOVFKDIW OHJW :HUW DXI GLH EHUXĠL- che Gleichstellung von Frauen und Männern.
Fraunhofer-Institut f��r Software- und Systemtechnik ISST %ULWWD .ORFNH (PLO )LJJH 6WUDćH 'RUWPXQG 7HOHIRQ EHZHUEXQJ#LVVW IUDXQKRIHU GH www.isst.fraunhofer.de/jobs
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NACHRICHTEN
Interaktive AAL-Landkarte Auf der Website des Instituts Arbeit und Technik (IAT), eines gemeinsamen Kompetenzzentrums f��r Innovation der Fachhochschule Gelsenkirchen und der Ruhr-Universität Bochum, findet sich die „E-Health@Home-Landkarte��. Diese interaktive Deutschland-Karte gibt einen Überblick ��ber die Services und Modellprojekte aus dem Bereich Telemedizin und Ambient Assisted Living und soll als Orientierungshilfe f��r alle Akteure des Gesundheitswesens dienen. www.iat.eu/ehealth Ergebnis des Sch��lerwettbewerbs Zu dem nebenstehenden Beitrag ��ber Pflegeroboter passt, dass bei dem AAL- Sch��lerwettbewerb „Eine Frage der Technik��, der vom VDE anlässlich des 4. Deutschen AAL-Kongresses durchge- f��hrt wurde, der erste Platz an Marieke Jäger und Liesa Hirschm��ller vom Humboldt-Gymnasium in Eichwalde ging. Die Sch��lerinnen hatten die Idee f��r einen „Unterhaltungsroboter�� einge- reicht, der sich mit älteren Menschen unterhält und mit ihnen spielt. Auffäl- lig an vielen kreativen Beiträgen: In den Augen von Sch��lern m��ssen Assistenz- systeme nicht nur n��tzlich, sondern auch unterhaltsam sein. Abschlussbericht liegt vor Die Studie „Juristische Fragen im Be- reich altersgerechter Assistenzsysteme��, die das Unabhängige Landeszentrum f��r Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD) im Rahmen der Begleitforschung AAL durchgef��hrt hat (siehe AAL-Ma- gazin 2/2010), liegt nun vor. Der Ab- schlussbericht gibt erste Antworten bzw. Handlungsempfehlungen f��r ver- tiefende juristische Betrachtungen. Ein Fokus liegt auf dem Datenschutzrecht.
ROBOTER ALS PFLEGEKRÄFTE VON MORGEN?
VERÖFFENTLICHUNG. In Ländern wie Japan und S��dkorea sind Roboter in der Pflege
schon fast selbstverständlich. In Deutschland beschäftigen sich zwar allein meh- rere Forschungsprojekte im Rahmen von AAL mit der Entwicklung von Robotern, die in der Altenpflege, der Betreuung von Demenzkranken oder auch – als helfende technische Hand oder als vollautomatisierte Maschine – im Haushalt eingesetzt werden können. Dementgegen steht aber die Einschätzung, dass Roboter in Deutschland unerw��nscht seien, unabhängig davon, wie sie aussehen und welche Unterst��tzung sie leisten. Dieses Vorurteil wird von einem aktuell veröffentlichten VDE-Band nicht widerlegt, aber doch geradeger��ckt. Tatsächlich zeigt die Studie „Mein Freund der Roboter��, die von Dr. Sibylle Meyer erstellt worden ist, dass die Mehrheit der Senioren Servicerobotern positiv gegen��ber eingestellt sind. Dem- nach bef��rworten unter den Befragten 75 Prozent der Techniker, 56 Prozent der Rentner und 50 Prozent der Pflegekräfte den Einsatz von Robotern im privaten Bereich. Allerdings polarisiert die Bewertung der Robotik bei älteren Menschen er- heblich stärker als bei den anderen Gruppen: 40 Prozent der Senioren lehnen die Servicerobotik im Alltag spontan ab. Auch besteht ein steiles Gefälle zwischen der positiven Bewertung von Servicerobotern wie der aus Japan stammenden interakti- ven Roboter-Therapierobbe Paro f��r Demenzpatienten und der Bereitschaft, diese selbst auszuprobieren. Die Studie zeigt aber auch, wie praktisch veranlagt die Deutschen dann doch sind. Am belieb - testen sind neben futuristischen An- wendungsszenarien wie dem „robote - risierten Rollstuhl�� Haushaltsroboter, die zuhause das Rasenmähen, Staub- saugen oder -wischen ��bernehmen.
Mehr Infos zu diesem Thema in der nächsten Ausgabe des AAL-Mgazins.
Warum ist Ambient Assisted Living in S��dkorea ��ber- haupt ein Thema – die dortige Bevölkerung ist doch deutlich j��nger als in Deutschland?
Es ist richtig, dass S��dkorea momentan noch eine recht junge Gesellschaft hat. Der Anteil der Personen, die ��ber 65 Jahre sind, beträgt elf Prozent, in Deutschland sind es 16,7 Prozent. Aber aufgrund einer sehr niedrigen Gebur- tenrate und einer stetig steigenden Lebenserwartung altert die Gesellschaft in S��dkorea sehr rasch: Laut Prognosen wird S��dkorea Deutschland bez��glich der Altersstruktur bereits 2030 ��berholen. Daher ist es wichtig, sich fr��hzei- tig den Herausforderungen zu stellen. Zudem sind Pro- dukte aus dem AAL-Bereich ja nicht ausschließlich f��r äl- tere Menschen, sondern f��r alle Generationen interessant.
Sie haben an einer vergleichenden Studie ��ber AAL in Deutschland und S��dkorea teilgenommen. Mit welchem Ergebnis?
In dem Projekt geht es darum, zunächst einmal die Rah- menbedingungen miteinander zu vergleichen, etwa die sozialen Sicherungssysteme, die fi- nanzielle Situation oder auch die Wohnsituation. Sie bilden die Basis f��r die erfolgreiche Umsetzung auf der Seite der Konsumenten. Auf Anbieterseite gibt es in S��dkorea zahlreiche Pilotprojekte, in denen Haushalte mit AAL-Technologien ausgestattet werden. Generell kann man allerdings festhalten, dass auch in S��dkorea die Umsetzung in die Breite noch nicht gelungen ist.
Welche Parallelen lassen sich noch ziehen?
Gerade bei den Problemen lassen sich eine Reihe von Gemeinsamkeiten benennen: Ein fehlendes Business- Modell, keine Standards in der Entwicklung und nicht zuletzt eine gewisse Inakzeptanz aufgrund von fehlen- den Informationen bei der Bevölkerung bilden in beiden Ländern Barrieren. Ein deutlicher Unterschied lässt sich aber in dem Punkt der finanziellen Ressourcen der älte- ren Menschen ausmachen: Zwar lebt der größte Teil der älteren Koreaner nicht in Altersarmut, dennoch sind die Einkommen deutlich niedriger als in Deutschland
Es heißt immer, Länder wie Japan und S��dkorea seien technikfreundlicher als Deutschland. Stimmt das denn? Und verschafft es AAL eine höhere Akzeptanz?
Generell ist die Technikakzeptanz auch bei älteren Korea- nern sehr hoch. Sie sind stolz, wenn sie mit der Technik umgehen können und an Pilotprojekten teilnehmen kön- nen. Gleichzeitig wollen sie aber nicht, dass die Technik die sozialen Kontakte ersetzt. Wenn es gelingt, Technik und Soziales zusammenzuf��hren, bieten AAL-Technolo- gien gute Möglichkeiten auf ein selbstbestimmtes Leben im Alter – sowohl in Deutschland als auch in S��dkorea.
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BLICK ÜBER DEN TELLERRAND FRAGEN AN PROF. YANG ÜBER AAL IN SÜDKOREA
Prof. Dr. Yeung Ja Yang ist Professorin der Devision of Social Welfare an der Kyungnam University in Changwon (S��d - korea) und Gastprofessorin am Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen
Foto: T a kanori SHihata
Was aussieht wie ein einfaches Kuscheltier, ist der einem Robbenbaby nachempfundene inter - aktive Therapie-Roboter Paro.
„Mein Freund der Roboter. Servicerobotik f��r ältere Menschen – eine Antwort auf den demografischen Wandel?��, Studie von Sibylle Meyer, Hg. VDE-Verlag 2011
MOBILITÄTSASSISTENT HANDY
ANWENDUNGEN. Die Zeiten, in denen ein Handy nur ein Telefon f��r un-
terwegs war, sind lange vorbei. Auch im Gesundheitsbereich sind die Geräte längst um zahlreiche Funktionen erweitert worden. Handys er- innern an die Medikamenteneinnahme oder ��bertragen in telemedizi- nischen Anwendungen Vitalparameter. Seit Kurzem bietet das Gelsen- kirchener Unternehmen ibs Sicherheitstechnik einen Service an, mit dem Angehörige ein von Demenz betroffenes Familienmitglied ��ber die Ortungsfähigkeit des Handys „auf sanfte Weise�� im Blick behalten können. Die Informatiker des Braunschweiger Informations- und Technologie-Zentrums (BITZ) wiederum haben auf der CeBIT eine An- wendung vorgestellt, bei der das Handy registriert, wenn sein Benutzer st��rzt, und automatisch einen Alarm sendet. Das Handy wird mehr und mehr zum umfassenden Gesundheits- und Mobilitätsassistenten. Mehr Infos unter www.trackyourkid.de und unter www.bitz.it
Foto: BITZ
Bei einem Sturz schlägt das Handy Alarm. Ein umpro- grammierter Beschleunigungssensor macht es möglich.
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SPEKTRUM

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AUF EINEN BLICK
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Unter dem Leitthema Barrierefreie Systeme haben drei Fachbereiche einen Masterstu - diengang f��r Architekten, Informatiker und Sozialwissenschaftler konzipiert, der in den drei Ausprägungen „Barrierefreies Planen und Bauen��, „Intelligente Systeme�� und „Case Management f��r ein barrierefreies Leben�� die jeweils fachspezifischen Inhalte vermittelt. Das Besondere ist, dass die Studierenden fach��bergreifend an Projekten arbeiten. In inter- disziplinären Ansätzen werden zukunftsfähige Lösungsmodelle entwickelt, um dem de- mografischen, gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Wandel in der Gesellschaft zu begegnen. Die Regelstudienzeit beträgt vier Semester: ein dreisemestriges Fach studium mit begleitendem Projekt und ein Semester f��r die Masterarbeit.
www.fh-frankfurt.de/de/fachbereiche/uebergreifende_angebote/basys.html
1. FACHHOCHSCHULE FRANKFURT AM MAIN
AAL STUDIEREN
Die Entwicklung und Einf��hrung altersgerechter Assistenz- systeme braucht entsprechend ausgebildete Fachkräfte. Die Hochschulen tragen der Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern Rechnung und bieten inzwischen spezialisierte Studiengänge an. Eine Auswahl.
Fotos: Shutterstock (M)
3. HOCHSCHULE FURTWANGEN
Angeregt durch das berufsbegleitende Kontaktstudium „Angewandte Geron to - lo gie – KONTAGE�� entstand in Kooperation mit dem VDE das neue Kontakt - studium KONTAAT. Während sich KONTAGE an Leitungskräfte aus dem Sozial- und Gesundheitswesen wendet, die sich berufsbegleitend weiterbilden wollen, er- weitert KONTAAT das Programm um die Perspektive „Alter und Technik��. Ziel- gruppe sind Ingenieure, anwendungsorientierte Informatiker, Mathematiker und Physiker mit Berufserfahrung, die ihre Beschäftigungsfähigkeit durch eine Weiter- bildung im Bereich Gerontologie verbessern wollen. Die Verzahnung der Lehrange- bote fördert den Dialog zwischen F��hrungskräften im Sozial- und Gesundheitswesen sowie Entwicklern und Anwendern von technischen Lösungen. Das Angebot ist auch eine Weiterbildungsmöglichkeit f��r Personen ohne Hochschulabschluss mit Be- rufserfahrung aus der Geriatrie oder dem gerontotechnischen Bereich. www.kontaat.de
2. HOCHSCHULE MANNHEIM 5. LÜBECK, LÜNEBURG, KAISERSLAUTERN UND SAARBRÜCKEN
Ab dem Wintersemester 2011/2012 gibt es im Schwarzwald den Bachelor-Studiengang der angewandten Gesundheitswissenschaften, der zum Ambient Living Designer f��hrt. Das Studium setzt sich aus den Fachrichtungen Medizinwissenschaften, Gesundheitsökonomie, Pflegemanagement und Informationstechnologie im Gesundheitswesen zusammen. Dabei geht es um Themen wie Barrierefreiheit, telemedizinische Services und Serviceroboter. Die Studierenden erlernen das Konzipieren, Planen und Implementieren technischer Assistenzsys - teme. Durch die Kooperation mit Entwicklern und Herstellern von Assistenzsystemen hat der Studiengang einen starken Praxisbezug. Als mögliche spätere Arbeitsfelder kommen f��r die Ambient Living Designer unter anderem Reha-Einrichtungen, Unternehmen im Gesundheits- und Sozialbereich sowie die Forschung und Entwicklung in Frage. www.hfu-studium.de/
startseite/neu-201112/angewandte-gesundheitswissenschaften/der-studiengang
6. TECHNISCHE UNIVERSITÄT MÜNCHEN
Der an der Technischen Universität M��nchen ab Oktober 2011 lau- fende englischsprachige Masterstudiengang Advanced Construction and Building Technology beschäftigt sich in einem seiner Basismodule intensiv mit dem Einsatz von Mikrosystemtechnik, Automatisierung und Robotik bei der Konstruktion von Gebäuden, also auch mit der Integration von Assistenzsystemen in Wohnräumen. Der Studiengang mit einer Regelstudienzeit von vier Semestern richtet sich aufgrund seiner Interdisziplinarität – beteiligt sind acht Fakultäten – an Absol - venten der Fachrichtungen Ingenieurswissenschaften, Naturwissen- schaften, Wirtschaftswissenschaften, Geistes- und Sozialwissenschaften mit technologieorientierter Ausrichtung, Geronto-Technik (Medizin), Architektur und Design. www.br2.ar.tum.de
4. JADE HOCHSCHULE OLDENBURG
Assistive Technologien sind technische Lösungen, um die Lebensqualität und Gesundheit im häuslichen Umfeld auch bei einschränkenden Lebens- bedingungen zu erhalten. Der neu gegr��ndete interdisziplinäre Bachelor- Studiengang Assistive Technologien setzt sich mit dieser Aufgabenstel- lung auseinander und kombiniert dabei ingenieurwissenschaftliche Aus- bildungsinhalte mit rehabilitativ-medizinischen und sozialen Aspekten bei krankheits- oder altersbedingten Einschränkungen. Entsprechend erwer- ben die Studenten ingenieurwissenschaftliche Kenntnisse mit Grundlagen- und Methodenwissen aus Medizin, Gerontologie, Gesellschaftswissen- schaften sowie aus Architektur und Bau wesen. Diese Kombination macht die Absolventen zu Experten an der Schnittstelle von Mensch und Ma- schine. Die fachwissenschaftliche Ausbildung öffnet den Ab solventen eine Reihe von Arbeitsgebieten: Wohlfahrtsverbän de, Wohnungsgesellschaften und große Klinik- und Pflegeeinrichtungen. www.hoertechnik-
audiologie.de/web/file/Studiengang_Assistive_Technologien.php
Auch wenn sie (noch) keinen eigenen AAL-Studiengang anbieten, beschäf- tigen sich weitere Hochschulen in Schwerpunkten mit Ambient Assisted Living. In diesen wird zu dem Themenkomplex geforscht und gelehrt. Da r - ��ber hinaus besteht die Möglichkeit, das Thema in Bachelor-, Master und Promotionsarbeiten intensiv zu bearbeiten. Dies geschieht zum Beispiel - am Institut f��r Telematik der Universität L��beck.
www.ambient.uni-luebeck.de
- im Arbeitsbereich Autonome Systeme der Leuphana-Universität L��neburg. www.leuphana.de/institute/institut-vaust/arbeitsbereiche.html - am Forschungsschwerpunkt Ambient Intelligence der Technischen Universität Kaiserslautern. www.amsys-uni-kl.de - im Studiengang MS Biomedizinische Technik an der Hochschule f��r Technik und Wirtschaft des Saarlandes in Saarbr��cken mit dem Wahlpflichtfach AAL. www.htw-saarland.de
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WEITERBILDUNG
JENSEITS DER FACHGRENZEN
Welche Kompetenzen m��ssen AAL-Fachkräfte aufweisen, um die Technik vermitteln und die Anwender beraten zu können? Mitglieder des AAL-Verbundes Karlsruhe haben sich Gedanken gemacht.
Wegen der großen Vielfalt an Fach- gebieten, der individuellen Erfor- dernisse des zu beratenden und betreuenden Menschen sowie der bestän digen Neu- und Weiterent- wicklung technischer Assistenzsy- steme wird es nicht ein Kompetenz- profil der AAL-Fachkraft geben. Es gilt, zwischen akademisch und nicht-akademisch geprägten Profi- len sowie zwischen technischen und nicht-technischen Anforderungen zu unterscheiden. F��r die Definition der Kompetenz- profile einer AAL-Fachkraft bietet sich die Methodologie an, wie sie im Leonardo-da-Vinci-Projekt EQF-Code f��r die Entwicklung der Kompetenz- profile neuer Ausbildungsberufe im europäischen Rahmen angewendet wurde. Die Profile sind dort grundsätz- lich untergliedert nach den Kompe- tenzfeldern „Planen, Erstellen, Durch- f��hren, Ermöglichen und Managen/ Steuern��: Der AAL-Assistent ist in der Lage, den Einsatz von AAL-Assistenz- systemen zu planen und vorzuberei- ten, die Systeme einzusetzen und die Anwender f��r die Benutzung zu be- fähigen sowie alle organisatorischen und steuernden Aufgaben durchzu- f��hren. Langfristig ist spezifisches Know- how zwar eine gute Grundlage, aber f��r die Bewältigung der Aufgaben eines AAL-Assistenten nicht ausrei- chend. Das ��bergeordnete Ziel, Men- schen möglichst lange in ihrer ange- stammten Umgebung leben zu lassen, erfordert von den AAL-Assistenten die Aneignung einer Haltung: Offenheit f��r die individuelle lebensweltliche Situation des Menschen, Bereitschaft gegen��ber neuen Entwicklungen in den unterschiedlichen Bereichen. Technik und damit auch Assistenz - systeme sind immer in Entwicklung. Das erfordert Hinterfragen des Alten und Mut zu Neuem. Prof. Dr. Benno Kotterba, Adriana Bär, Ernst Karosser und Daniela Peukert . AKADEMISCHE WEITERBILDUNG
EUROPEAN MASTER OF AAL
Mit der beruflichen Weiterbildung nach Absolvierung eines Grundstudiums wird das Ziel verfolgt, akademisch gebildete Personen zu gewinnen, die in der Lage sind, Produkte des Ambient Assisted Living zu entwickeln, zu vertreiben, zu empfehlen, zu schulen und in Projekte einzubringen. Diese AAL-spezifisch weitergebildeten Personen könnten z. B. in Produktentwicklung bzw. -manage- ment eingesetzt werden. Weitere Einsatzgebiete könnten auch das Projektma- nagement bei der Errichtung bzw. beim Umbau von stationären Einrichtungen oder die Weiterqualifikation in Fachpflegeschulen sein. AAL-spezifische Qua - lifizierungen im akademischen Bereich sollten Wissen und Kenntnisse aus verschiedenen AAL-relevanten Disziplinen b��ndeln und vermitteln. Personen, die bereits ein grundständiges Studium in einer bestimmten Disziplin absol- viert haben, sollte die Möglichkeit geboten werden, sich in relevanten anderen Themenbereichen bzw. Disziplinen ergänzend weiterqualifizieren zu können.
DAS ZIEL: ZERTIFIZIERTE ABSCHLÜSSE
Die Arbeitsgruppe „Aus- und Weiterbildung�� der BMBF/VDE Innovationspartnerschaft AAL erarbeitet konkrete Vorschläge f��r den Aufbau und die Lehrinhalte von AAL-spezifischen Weiter- bildungen. Diese sollen zu drei verschiedenen Prädikaten f��hren.
NICHT-AKADEMISCHE WEITERBILDUNG
HANDWERK: AAL-FACHHANDWERKER/-IN
Ziel der beruflichen Weiterbildung im Handwerk sollte sein, dass Beratung, Kostenvoranschlag, Installation und Wartung von AAL-Installationen gewerke - ��bergreifend aus einer Hand möglich werden. Es sollen alle grundständigen Ausbildungen im Handwerk etwa aus den Bereichen Sanitär, Elektrik und Wasser angesprochen werden. Als weitere Schwerpunktfächer sollten ange- boten werden: AAL-spezifische handwerkliche Kenntnisse aus anderen Gewer - ken, IT im Gesundheitswesen, Grundwissen Medizintechnik und Telemedizin, Krankheitsbilder, Grundwissen Demografie, barrierefreie Umgebungen, Finan- zierungsmodelle sowie recht liche und ethische Rahmenbedingungen.
SOZIALER BEREICH: AAL-FACHBERATER/-IN
Menschen aus sozialen Berufen sollen durch die Zusatzqualifikation in die Lage versetzt werden, Betroffene und Angehörige sowie stationäre Einrichtun- gen hinsichtlich AAL-Lösungen zu beraten, in Pflegest��tzpunkten zu arbeiten oder das Qualitätsmanagement in Stabsstellen zu ergänzen. Relevante grund- ständige Ausbildungen sind z. B. Kranken- und Alten pfleger/-in oder Erzie- her/-in. Die zusätzlichen Schwerpunktfächer sollten folgende Inhalte vermit- teln: Beratungskompetenz, IT im Gesundheits wesen, Grundwissen Medizin- technik und Telemedizin, Barrierefreie Umgebungen, Grundwissen MST und IT, Finanzierungsmodelle sowie recht liche und ethische Rahmenbedingungen.
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ssistenzsysteme eröffnen die Möglichkeit, sein Leben län- ger selbständig und im ge- wohnten Umfeld zu f��hren. Ihr Ein- satz wird allerdings nur mit kompe- tenter Unterst��tzung und Begleitung durch AAL-Assistenten Erfolg haben. Noch fehlen die Fachkräfte, die ��ber eine umfassende Kompetenz aus Tech- nik, Gesundheit und Pflege verf��gen. Um die L��cke zwischen verf��gbaren AAL-Assistenzsystemen und deren Einsatz zu schließen, sind nachhaltige Weiterbildungsangebote und Zusatz- qualifikationen zum AAL-Assistenten notwendig. F��r die individuelle und situati- onsadäquate Auswahl und die Pla- nung von technischen Assistenz - systemen, f��r ihren Einsatz und ihre Anwendung sind umfassende und aufeinander abgestimmte Kompeten- zen verschiedener Fachgebiete sowie ��berfachliches Denken erforderlich. AAL-Fachkräfte m��ssen ��ber diese Kompetenzen verf��gen. Dar��ber hin- aus m��ssen sie die Offenheit f��r die individuelle Situation des Menschen sowie die Bereitschaft gegen��ber neuen Entwicklungen in den un- terschiedlichen Bereichen mit- bringen. Die erforderliche Assistenz zur Einf��hrung eines AAL-Assistenzsys - tems muss sich dabei auf das lebenswelt liche und individuelle Pro- blem des zu unter- st��tzenden Men- schen beziehen. Die Assistenz als Begleitung des Akteurs in der Nutzung und Benutzung von Assistenzsystemen muss sich an sei- nen Bed��rfnissen und seinem Bedarf orientieren. Hierbei spielen zwei Gesichtspunkte eine Rolle: so viel Assistenz wie nötig und gleichzeitig so viel Herausforderung und Selb st - ständigkeit wie möglich. Die Kompetenz des AAL-Assisten- ten gr��ndet auf einer umfangreichen Liste von Wissen und Fertigkeiten. Da sind zunächst alle Themenbereiche zu nennen, die AAL grundsätzlich adressiert. Das sind u.a. Sicherheit, Gesundheit, Haushalt, Soziales, Mo- bilität und Ernährung. Daneben aber ist ein ��berfachliches Denken erfor- derlich. Die Qualifizierung zum AAL- Assistenten muss geprägt sein von der handlungsorientierten und nachhal- tigen Bildungsidee. Sollen technische Assistenzsysteme erfolgreich zum Ein- satz kommen, m��ssen alle an der Ent- wicklung, Realisierung und dem Ein- satz beteiligten Kräfte ��ber umfas- sende interdisziplinäre Fachkennt- nisse, Erfahrungen und Handlungs- fähigkeiten verf��gen. Das bedeutet zum einen, dass me- dizinisch oder pflegerisch tätige Fach- kräfte die Möglichkeiten, den Einsatz und Gebrauch von Assistenzsyste- men kennen und beherrschen m��s- sen. Auf der anderen Seite muss die technisch versierte Fachkraft medi- zinische, gerontologische und soziale Qualifikationen besitzen, um die Ak- teure angemessen und kompetent be- raten, begleiten und ihnen in der Benutzung helfen zu können. Traditionell k��mmert sich die Pflegekraft um den Menschen und der Handwerker um die Technik. Bei AAL m��ssen beide auch die andere Seite kennen.
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eist ist es eine heikle Angelegen- heit, wenn eine Ehefrau ihrem Mann, ein Sohn seiner Mutter oder eine Enkelin ihrem Opa unter Ver- weis auf nachlassende geistige oder kör- perliche Fähigkeiten die Anschaffung eines Hilfsmittels vorschlägt. Mag der Nutzen eines Hörgeräts, eines Treppen- lifters oder eines Notrufsystems unbe- stritten sein, ihr Erwerb geht stets mit dem Eingeständnis einher, derlei Unter- st��tzung zu bed��rfen – also bed��rftig zu sein. Das kann den Betroffenen kränken. Es von einem nahen Angehörigen gesagt zu bekommen, kränkt fast immer. Dies wissend und ahnend, dass sie auf Wider- stand treffen wird, ist die 46-jährige An - gelika Heinrich* denn auch äußerst be- hutsam, als sie mit ihrer Mutter Helga ��ber die Idee reden will, ein Notrufsystem zu besorgen. Sie tut es dennoch – zum Wohle der Mutter, aber auch, weil sie selbst wieder unbesorgter schlafen will. Doch der Reihe nach. Die 72-jährige Helga Heinrich lebt al- lein im hessischen Neu-Isenburg. Vor einem Jahr ist sie von ihrer F��nf-Zimmer- Wohnung in eine kleinere, weitgehend barrierefreie Wohnung umgezogen. Denn der Körper spielt nicht mehr so mit wie gew��nscht. Sie leidet an Herzschwäche und hat Knieprobleme. Das f��hrt dazu, dass sie nicht mehr die Beweglichste ist, was durch ihr Übergewicht noch verstärkt wird. Ihre Selbstständigkeit aber ist ihr wichtig, zumal sie geistig noch voll auf der Höhe ist. Sie organisiert ihren Alltag allein und versteht es, sich Hilfe zu holen, wo sie benötigt wird. So nutzt sie einen Einkaufsservice und einmal am Tag kommt der Pflegedienst vorbei. Eigent- lich ist alles gut organisiert und Anlass zu Sorge gäbe es kaum – wäre da nicht die- ser Sturz gewesen. Anfang des Jahres näm- lich hat Helga Heinrich wegen ihrer Herz- probleme einige Tage im Krankenhaus verbracht. Dort ist es passiert. Sie macht einen unbedachten Schritt und fällt hin. Körperlich bleibt sie unversehrt, im Kopf aber hat der Sturz Folgen. Die Erfahrung, nicht allein wieder aufstehen zu können, verunsichert sie nachhaltig. Was, wenn es wieder passiert? Was, wenn sie in ihrer Wohnung st��rzt? Wer w��rde es merken – und wann? Mit diesen Sorgen ist sie nicht allein. Auch ihre Tochter Angelika, die rund 40 Kilometer entfernt in Wiesbaden lebt, ist beunruhigt. Schließlich ist die Distanz zu groß und die Zeit zu knapp, um fort- während nach dem Rechten sehen zu können, zumal sie beruflich oft unterwegs ist. Also beschließt sie, das Thema anzu- gehen. „Was hältst du davon, wenn wir
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Illustrationen: W o lfgang Buechs
>> Die Tochter entwirft
das Bild des auf dem R��cken liegenden Käfers, die Mutter verwehrt sich dagegen, stigmatisierende Hilfsmittel zu tragen.
DIE MUTTER, IHRE TOCHTER UND DAS NOT RUFSYSTEM
Alleinstehende Menschen kennen die Angst vor einem Notfall zuhause. Wie Assistenzsysteme die Sicherheit erhöhen können, welche H��rden dabei zu ��berwinden sind und welch große Rolle die Angehörigen spielen – all das zeigt diese reale Geschichte aus Neu-Isenburg.
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STORY
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dieser Basis wird festgelegt, welches Verhalten das System als Abweichung von der Norm und damit als möglichen Notfall wertet, wer in diesem Fall wie benachrichtigt wird und was dann zu geschehen hat. Da Helga Heinrich spä- testens um 24 Uhr ins Bett geht, lautet eine der Regeln, die bei ihr festgelegt werden: Merkt das System, dass sie um 0.30 Uhr noch immer nicht ins Schlafzimmer ge - gangen ist, informiert es den Pflegedienst und veranlasst, dass eine Mitarbeiterin nach dem Rechten sieht. Das System ist erst wenige Wochen in Be- trieb, da beweist es, dass es funktio- niert. Eines Nachts erhält der Pflege- dienst nach Mitternacht eine Nach- richt, derzufolge Frau Heinrich nicht ins Bett gegangen ist. Ist sie gest��rzt? Als eine mit einem Hausschl��ssel aus- gestattete Pflegekraft vor Ort eintrifft, findet sie Frau Heinrich wohlbehal- ten vor. Allerdings liegt sie nicht im Bett, sondern auf dem Sofa im Wohnzimmer, wo sie beim Fernsehschauen eingeschlafen ist. Seit diesem „Fehlalarm�� weiß Angelika Heinrich, dass sie sich auf das System verlassen kann. Ihrer Mutter hin- gegen ist der Vorfall peinlich. Dass ihr Einschlafen – ei- gentlich eine reine private Angelegenheit, von der ohne Assistenzsystem niemand erfahren hätte – f��r so viel Auf- regung gesorgt hat, ist ihr unangenehm. Dieses Gef��hl richtet sie gegen das System und schaltet es ab. Hier hätte das Kapitel AAL und Helga Heinrich schon wieder zu Ende sein können. Doch Mutter und Tochter setzen sich noch einmal zusammen und ��berlegen, ob sich solche Vorfälle durch eine andere Einstellung vermeiden lassen. Schließ- lich beauftragen sie die Supportfirma, eine sanftere Form des Alarms zu konfigurieren: Seitdem wird bei einem Not- ruf am Tag nicht mehr der Pflegedienst informiert, viel- mehr sendet das System eine SMS auf das Handy von An- gelika Heinrich. Nachts bleibt der Pflegedienst zwar erster Adressat eines Alarms. Statt jedoch unverz��glich einen Kontrollbesuch abzustatten, soll, so die neue Vereinba- rung, zunächst lediglich ein Kontrollanruf erfolgen. Diese Reglung hat sich bewährt. Helga Heinrich hat ihren elektronischen Mitbe- wohner zwar noch nicht lie- ben, immerhin aber schätzen gelernt. Auch der gew��nschte Effekt ist eingetreten: Mutter wie Tochter f��hlen sich siche- rer. Beide haben jedoch auch lernen m��ssen, dass der Weg hierher m��hsam sein kann. Das Wissen um die technischen Möglichkeiten muss vor- handen sein und dass passende System muss gefunden werden. Die Anschaffungskosten wollen bezahlt sein, der Pflegedienst will ��berzeugt und das System an die jewei- ligen Bed��rfnisse und W��nsche angepasst werden. Vor allem aber m��ssen die Beteiligten die jeweiligen Befind- lichkeiten anerkennen und die notwendige Auseinander- setzung aushalten. So lautet denn auch das Zwischenfazit von Angelika Heinrich: „Als Tochter neigt man zu ��ber- triebenen Erwartungen. Mir ist klar geworden, dass ich das Tempo meiner Mutter akzeptieren muss. Schließlich geht es um sie, also trifft auch sie die Entscheidungen.�� Christian Sälzer . *) Die Namen sind von der Redaktion geändert. ein Notrufsystem anschaffen?��, fragt sie ihre Mutter vor- sichtig an. – „Ein Notrufsystem? Mit einem komischen Knopf um den Hals laufe ich nicht rum��, weist diese das Ansinnen zur��ck. Die Tochter greift zu einem drastischen Bild: „Und wenn du wieder wie ein Käfer auf dem R��cken liegst und nicht mehr aufstehen kannst?�� Hier hätte das Gespräch enden können, Kränkung hier, Ratlosigkeit da. Doch Angelika Heinrich hat noch einen Trumpf im Ärmel. Durch ihren Beruf in der Elektronikbranche kennt sie Ambient Assisted Living und weiß, dass es auch diskrete Not- rufsysteme gibt: von intelligenten Teppichen, Textilien oder Arm- ringen, die einen Sturz wahr - nehmen, bis zu Systemen, die aufpassen, indem sie Aktivitäten in der Wohnung messen. „Wie wäre es denn mit einem Notruf- system, das unsichtbar ist?��, fragt die Tochter. Dieser Hin- weis macht die Mutter zumindest neugierig. Jedenfalls willigt sie ein, sich das Ganze einmal zeigen lassen. Nachdem Angelika Heinrich Anbieter und Anlagen son- diert hat, kommt wenige Tage später ein Vertreter der Firma LOC Locate Solution vorbei und erklärt Mutter wie Toch- ter das Assistenzsystem LOC Sense. Da sind Sensoren, die Bewegungen registrieren und merken, ob der K��hlschrank geöffnet wird; andere messen Helligkeit oder Raumtem- peratur. Zusammen bilden sie ein intelligentes Notrufsy- stem. Helga Heinrich ist all das ein wenig unheimlich. Aber sie ist einverstanden, es zu probieren, und entschei- det sich f��r eine einfach Basisausstattung. Kurze Zeit später ist in jedem Raum der Wohnung ein Be- wegungssensor von der Größe einer Ein-Euro-M��nze an- gebracht. Einer der Sensoren fungiert als „Gehirn��. Er wer- tet die gesammelten Daten aus. Erkennt er einen Notfall, sendet er ��ber eine Funkeinheit, die hinter dem Fernse- her verborgen ist, eine Nachricht an einen Empfänger. Kein Besucher w��rde merken, dass die Wohnung mit einem solchen System ausgestattet ist und auch Helga Heinrich wird nicht ständig daran erinnert. Nur auf dem Schuhschrank neben der Woh- nungst��r liegt als einzig sichtba- res Element ein An-Aus-Schalter, mit dem sie das System abschal- tet, wenn sie das Haus verlässt oder einmal keine Lust auf ihren diskreten Aufpasser hat. Zu der Vorf��hrung des Systems hat Angelika Heinrich auch eine Vertreterin des Pflegedienstes eingeladen. Begeistert ist diese nicht von dem Assistenzsystem, eher befremdet. Ir- ritiert ist sie vor allem von der Tatsache aus, dass niemand einen Knopf dr��cken muss, um einen Notruf auszulösen, sondern „ein System�� autonom handelt. Die Sorge ist groß, das könne die gewohnten Abläufe durcheinander- bringen. Nach gutem Zureden durch Angelika Heinrich aber ist auch sie bereit, Neuland zu betreten. Und so kommt es, dass Helga Heinrich zur AAL-Nutzerin wird. An die Installation der technische Infrastruktur schließt sich eine Messphase an, in der das System den typischen Tagesablauf kennenlernt: Wann sie morgens aufsteht, um wie viel Uhr sie ins Bett geht und ähnliche Routinen. Auf
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Der Pflegedienst war von dem System zunächst befremdet. Kann es denn sein, dass niemand einen Knopf dr��cken muss?
>> So klein und so unauffällig:
Der Techniker kommt vorbei und demonstriert, wie die Be - wegungssensoren funktionieren.
>> Der erste Alarm: Die Pflege-
dienstmitarbeiterin findet Frau Heinrich, die auf dem Sofa ein- geschlafen ist. Immerhin – das System funktioniert.
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Die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle. Aber die Nutzer geben das Tempo vor und treffen die Entscheidungen.

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GESPRÄCH
Prof. Henke, gemeinsam mit Uwe Fachinger haben Sie das Buch „Der private Haushalt als Gesundheitsstandort�� heraus- gegeben. Warum sollte das Zuhause zu einem Gesundheits- standort werden?
In erster Linie, weil wir möglichst lange und selbstbe- stimmt in den eigenen vier Wänden verbleiben möch- ten. Um das zu erreichen, können wir die vielfältigen Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Erleichterung des Alltags nutzen, die uns zuk��nftig in heute noch unbekanntem Maße zur Verf��gung ste- hen werden. Dazu gehören Bereiche wie Gesundheit und Pflege, Haushalt und Versorgung, Kommunikation und soziales Umfeld sowie Sicherheit und Privatsphäre. Wir gehen also davon aus, dass sich das private Zuhause neben der traditionellen stationären und ambulanten Behandlung sowie der Pflege mehr und mehr zu einem Gesundheitsstandort entwickeln wird.
Welche Rolle spielen altersgerechte Assistenzsysteme in die- ser Entwicklung?
Im Zuge des demografischen und sozialen Wandels ge- winnen sie stark an Bedeutung. Klug eingesetzt, können sie zu mehr Effizienz und Effektivität in der Versorgung einer älter werdenden Gesellschaft und damit zur Stei- gerung der Lebensqualität jedes Einzelnen beitragen. Alarm-, Schließ- und Sicherheitssysteme, Reinigung und Lieferdienste, Kommunikationsnetzwerke, technisch un- terst��tzte Vorsorge, Behandlung und Pflege sind nur ei- nige Stichworte in diesem Kontext.
Sie unterscheiden zwischen assistierenden Technologien – AT – und Ambient Assisted Living – AAL. Warum?
Es gibt bisher keine allgemeing��ltige Definition f��r Am- bient Assisted Living. Wir haben uns im Projektteam der Einfachheit halber darauf geeinigt, dass die unterst��tzende Hilfe sowohl Produkte als auch Dienstleistungen ein - schließt und den Menschen in allen Lebenswelten erfasst. Assistierende Technologien sind also alle Geräte und Sys - teme, die es uns ermöglichen, Handlungen auszuf��hren, die uns das Leben erleichtern. AAL umfasst in diesem Sinne ein weites Feld technischer Möglichkeiten, die auch nicht nur ältere, sondern ebenso j��ngere Menschen angehen.
Wer vom Gesundheitswesen spricht, denkt meist an die wachsenden Kosten. Sie hingegen r��cken den Begriff Ge- sundheitswirtschaft in den Fokus und damit die produktive und „gewinnbringende�� Seite des Gesundheitswesens.
»IN EIN GESUNDES ALTERN INVESTIEREN«
Intelligente Assistenzsysteme stehen vor dem Sprung in den Markt. Wer aber wird f��r dieses »Mehr« an Gesundheit und Mobilität bezahlen? Und wie viel AAL kann, darf oder muss sich eine Gesellschaft leisten? Fragen an den Gesundheitsökonomen Prof. Klaus-Dirk Henke.
»Assistenzsysteme können zu mehr Effizienz in der Versorgung und damit zur Steigerung der Lebensqualität jedes Einzelnen beitragen.«
Fotos: V o lkmar Otto
ZUR PERSON
>> Univ.-Prof. Dr. Klaus-Dirk
Henke ist seit 1995 Inhaber des Lehrstuhls f��r die Fachgebiete Öf- fentliche Finanzen und Gesund- heitsökonomie am Institut f��r Volkswirtschaftslehre und Wirt- schaftsrecht der Technischen Uni- versität Berlin. Er ist seit 1984 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen. Von 1993 bis 1998 war er Vorsitzender des Sachverständigenrates f��r die Konzertierte Aktion im Gesund- heitswesen. Seit 2004 ist er ein Sprecher des Zentrums f��r Inno- vative Gesundheitstechnologie (ZiG) an der TU Berlin.
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Tatsächlich haben wir zeigen können, dass die Ge- sundheitswirtschaft ein Wirtschaftssektor ist. Als sol- cher trägt er, wie jeder andere Wirtschaftssektor auch, erheblich zu Wachstum und Beschäftigung bei. Auch assistierende Systeme gehören zur Gesundheitswirt- schaft und sind dementsprechend ��ber ihre Produktion, Anwendung und Nutzung von erheblicher volkswirt- schaftlicher Bedeutung.
Wie schauen Sie als Gesundheitsökonom dann auf die Kos - ten, die mit der Anschaffung, aber auch mit dem Unterhalt von assis tierenden Technologien einhergehen?
Unterst��tzende Hilfe kostet sicherlich Geld. Das ��berge- ordnete Argument f��r die Finanzierung von AAL ist, dass es ein gesundes Altern in der eigenen, gewohnten Um- gebung und eine längere individuelle Handlungsauto- nomie ermöglicht. Das aber geht auch mit positiven fis- kalischen Effekten einher. Schließlich f��hrt ein gesundes Altern zu mehr Lebensfreude, Freude an ehrenamtlicher Aktivität, Lust am Umgang mit Kindern und Jugend lichen oder allgemein zu einer regeren Teilnahme an der Zivil- gesellschaft und nat��rlich auch zu kaufkräftiger Nach- frage. Man muss sehen, dass sich der Nutzen nicht nur auf die unmittelbaren Anwender beschränkt.
Wie meinen Sie das?
Ökonomisch betrachtet besteht der Beitrag von AAL- Technologien und -systemen zunächst in der Vermei- dung direkter, indirekter und psychosozialer Krank- heitskosten bei den erkrankten und pflegebed��rftigen Personen. Sie können also die häusliche pflegerische und gesundheitliche Betreuung erleichtern und die Sozial- versicherungsträger entlasten, indem weniger ambulante oder stationäre Leistungen, also institutionelle Hilfe, ge- braucht werden. Anders ausgedr��ckt: Wir leben länger gesund und verursachen auf lange Sicht weniger Gesundheitsausgaben bei den Institutionen der gesetz - lichen Sozialversicherung. Aber das ist nicht alles. Hinzu kommt, dass sich eine bessere Gesundheit positiv auf das Humankapital und die Produktivität auswirkt. Ges��n- dere Arbeitskräfte sind produktiver, und eine höhere Funktionsfähigkeit einer alternden Bevölkerung f��hrt zu wirtschaftlich produktiveren Lebensjahren. Gleichzeitig entstehen neue Märkte f��r Anbieter und Nachfrager sowie neue Berufsbilder.
Sie sagen also, dass Ausgaben f��r AAL nicht nur f��r den Ein- zelnen sinnvoll sein können, sondern sich f��r die gesamte Gesellschaft lohnen?
Ja, durchaus, es sind Investitionen, die zu einem allge- meinen Wohlfahrtsgewinn f��hren können.
Zunächst aber m��ssen die Investitionen finanziert werden. In welchem Maße sind hierbei die öffentliche Hand und die Krankenkassen gefragt?
Ob der Bereich der erstattungsfähigen Leistungen, also die gesetzlichen und privaten Krankenkassen, auch Mit- tel bereitstellen, bleibt abzuwarten. Zunächst muss ge- zeigt werden, dass es zu Ersparnissen f��r die Träger der Krankenversicherung kommt, bevor mit deren Leistun- gen gerechnet werden kann.
Also sind die Nutzer selbst verantwortlich daf��r, wie viel AAL sie sich leisten wollen bzw. können?
Tatsächlich wird es, zumindest im ersten Schritt, in hohem Maße auf den „zweiten Gesundheitsmarkt�� an- kommen. Dieser umfasst die Ausgaben, die man privat und persönlich f��r Gesundheitsleistungen verschie- denster Art tätigt. Im Zuge einer gew��nschten „gesun- den Alterung�� werden diese Ausgaben sicherlich weiter zunehmen. Das Statistische Bundesamt zeigt schon heute, dass die privaten Ausgaben f��r Gesundheits g��ter und -leistungen ��berproportional steigen – in der Apo- theke, im Sanitätsfachhandel, aber auch im sonstigen Einzelhandel.
In diesem Sinne m��ssten die priva- ten Haushalte erst einmal in Vorleis - tung treten – und die Krankenkassen könnten später bestimmte Anwen- dungen in ihren Regelleistungskata- log aufnehmen, wenn diese ihren Nutzen bewiesen haben?
Ja, so wird es wahrscheinlich lau- fen. Die Kassen sind mehr auf kurzfristige Erfolge aus. Vielleicht bedarf es hier in Zu- kunft neuer Rahmenbedingungen, also zum Beispiel we- niger öffentlich-rechtliche, daf��r aber mehr genossen- schaftliche Strukturen.
Braucht AAL nicht ohnehin neue Formen der Finanzierung? Schließlich werden viele AAL-Anwendungen von einem An- bieter-Netzwerk zur Verf��gung gestellt, etwa zwischen einer Wohnungsgesellschaft, einem Technikhersteller und einem sozialen Dienstleister?
Wir sind gerade dabei, die ökonomischen Potenziale zu berechnen, die sich ergäben, wenn sich alle deutschen Haushalte mit einem Haushaltsvorstand von ��ber 50 Jah- ren modellhaft einrichten ließen. Das ist nat��rlich zunächst eine Fiktion, die zudem mit dem verf��gbaren Einkommen einer älter werdenden Bevölkerung vergli- chen werden muss. Erst mit Informationen ��ber die Zah- lungsfähigkeit und Zahlungsbereitschaft lassen sich dann Geschäftsmodelle entwickeln. Schon heute kann man aber sagen, dass diese sicherlich eher dezentral ��ber wett- bewerbliche Prozesse als ��ber zentrale Planung laufen werden. Es wird sich also nicht ��berall das gleiche Fi- nanzierungsmodell durchsetzen, vielmehr wird sich im Wettbewerb und je nach der lokalen Situation eine große Vielfalt herausbilden. So gibt es hier und da bereits so- genannte Managementgesellschaften, die regionale Netz- werkstrukturen aufbauen, zum Beispiel im Kinzigtal.
Zahlreiche Assistenzsysteme sollen bei bestehenden Krank- heiten bzw. Pflegebed��rftigkeit zum Einsatz kommen. Macht es nicht Sinn zu betonen, dass AAL auch im Rahmen von Prävention und Fr��herkennung wertvolle Dienste leisten kann?
Ja, das ist ein entscheidener Punkt. In der Vermeidung oder zumindest der Verzögerung von Krankheiten und Pflegebed��rftigkeit sehe ich eine der Hauptaufgaben von altersgerechten Assistenzsystemen. Im Idealfall durch- dringen die positiven Wirkungen eines durch AAL-Tech- nologien unterst��tzten Umfeldes die gesamte gesund- heitliche Versorgungskette von der Prävention ��ber die Fr��herkennung und Akutversorgung bis hin zur Rehabi- litation und Pflege.
Zum Schluss eine private Frage: Welche AAL-Anwendung können Sie sich in Ihrem Zuhause vorstel- len bzw. was w��rden Sie sich w��n- schen?
Meine Vision sind altersgerechte Wohnungen allenthalben f��r die gesamte Bevölkerung. Die Woh- nungswirtschaft trägt dazu schon erheblich bei. Ich selbst investiere gerade in Sicherungs- systeme, nachdem bei uns eingebrochen wurde. In mei- nem „smart home�� kann ich mir auch Notrufsysteme vorstellen, intelligente Haustechnik f��r Strom, Wärme und Licht sowie bei Bedarf Geräte zur Messung von Vitalparametern wie Blutdruck und -zucker oder auch ein mobiles EKG-Gerät.
Herr Prof. Henke, vielen Dank f��r dieses Gespräch.
Die Fragen stellte Christian Sälzer .
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»Statt eines einzigen Finanzierungs modells wird sich im Wettbewerb eine große Vielfalt lokaler Lösungen herausbilden.« »Im Idealfall durchdringen die positiven Wirkungen von AAL-Technologien die gesamte gesundheitliche Versorgungskette.«
HINTERGRUND
>> Der Band, den Prof. Henke
gemeinsam mit Prof. Fachin- ger im vergangenen Herbst her- ausgegeben hat, gibt einen grundlegenden Überblick über die überwiegend ökonomischen As pekte von assistierenden Technologien und AAL-Syste- men insbesondere im Zusam- menhang mit der gesundheit - lichen und pflegerischen Ver- sorgung älterer Menschen. Ein roter Faden, der die Beiträge der renommierten Auto- ren durchläuft, ist die Heraus bildung des privaten Haus- halts als Gesundheitsstand ort, der durch die Techno- logien gestärkt wird und zu einem gesunden Altern in hohem Maße beiträgt. Der private Haushalt als Gesundheitsstandort, Hg. Prof. Uwe Fachinger und Prof. Klaus-Dirk Henke, Nomos Verlag, 2010, 240 S., 59 €.
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>> In der Fachwelt ist der Begriff AAL gelernt. Nicht nur
in Deutschland, auch in Östereich und der Schweiz. Und auch auf europäischer Ebene wird er ganz selbst- verständlich genutzt. AAL braucht deshalb in der Fach - öffentlichkeit keinen neuen Namen. Im Gegenteil: Es wäre eher störend, jetzt eine Namensdiskussions zu beginnen. In Bezug auf die breite Bevölkerung ergibt sich ein anderes Bild. Hier d��rfte man mit dem K��zel AAL und auch dem Begriff „Ambient Assited Living�� auf wenig Veständniss treffen. Den Begriff mit viel Kommunikationsdruck auch in der Bevölkerung zu verankern, erscheint wenig ratsam. Estens wäre das sehr teuer und zweitens wenig erfolgversprechend, da sich hinter dem Begriff so viele unterschiedliche Sach- verhalte verbergen. Also vielleicht doch einen neuen Namen f��r die normalen B��rger? Die differenzierten Inhalte sprechen eher dagegen. Die bisherige Suche nach selbsterklärenden deutschen Begriffen war denn auch wenig erfolgreich. Entweder waren die neuen Begriffe zu lang und kompliziert oder sie gaben nur Teilaspekte wieder. Vielleich sollten statt eines neuen Gesamtbegriffs besser intelligente Kommunikations- konzepte entwickelt werden, die helfen, die einzelnen Inhalte jeweils breit verständlich und nachvollziehbar zu machen. <<
>> Sucht man im Internet nach AAL, kommt nach diver-
sen Links zum Aal ein erster Hinweis auf „Ambient Assi- sted Living Joint Programme�� und nach „Angeln auf Aal�� der „4. Deutsche AAL-Kongress 2011��. Richtig f��n- dig wird man erst auf den Internetseiten der BMBF/VDE- Innovationspartnerschaft AAL, die ausf��hrlich gestaltet wurden. F��r den „unge��bten�� Interessenten tauchen dabei Namensprobleme auf. Im großen Rahmen von AAL findet man ein Spektrum von Bezeichnungen, von „Altersgerechten Assistenzsystemen��, „Humanzentrierten Assistenzsystemen��, „Altern lebenswert gestalten�� bis hin zu „Webbasierten Diensten f��r ältere Menschen ����. Je mehr ich mich in AAL einarbeite, desto mehr Begriffe tauchen auf, aber umso schwerer fällt es mir, einen mög- lichst eingängigen Namen anstelle von AAL zu finden. Damit erinnere ich an die alte Programmierweisheit „Namen sind Schall und Rauch��, will sagen: Auf den In- halt kommt es an! Dieser Inhalt ist der Schwerpunkt des Vorhabens und fordert den Expertenrat, AAL nicht nur zu den „nicht-technologischen�� Aspekten, sowie das BMBF und den VDE, ein äußerst strenges, inhaltliches Projekt-Controlling zu f��hren. Wenn es dann noch ge- lingt, die Projektergebnisse allgemein verständlich dar - zustellen, sollte das Ziel erreicht sein und Überlegungen zum Namen werden in den Hintergrund treten. <<
>> „AAL – was ist denn das?��, werde ich sofort gefragt,
wenn ich den Begriff bei Vorträgen, in Workshops oder auch im persönlichen Gespräch gebrauche. Niemand weiß so richtig, was es bedeutet, und die verf��gbaren Definitionen sind zumindest f��r den Alltagsgebrauch reichlich abstrakt. Braucht AAL also einen anderen Namen? Sollte jeder und jede sofort wissen, was damit gemeint ist? Ich meine: Nein, und zwar aus zwei Gr��n - den. Zum einen ist tatsächlich kaum abgrenzungsgenau definierbar, was der Begriff alles an technischen Syste- men und damit verbundenen Dienstleistungen abdeckt. AAL-Technologien und -Dienste eröffnen im Grunde unbegrenzte Möglichkeiten von Person und Umwelt verbindenden Unterst��tzungs-, Informations-, Unterhal- tungs- und Versorgungssystemen. Zum anderen bietet die Irritation und damit einhergehende Nachfrage die Chance, konkret auf die Fragenden einzugehen und Antworten zu suchen (und hoffentlich auch zu finden), die ihrer spezifischen Situation gerecht werden. Denn das gemeinsame Interesse aller potenziellen Nutzer und Nutzerinnen von AAL ist zwar ganz allgemein eine Er- leichterung bei der Erf��llung ihrer alltäglichen Aufga- ben. Aber worin diese bestehen und welche Anforderun- gen sich daraus f��r AAL-Systeme und -Dienste ergeben, kann sehr unterschiedlich sein. <<
BRAUCHT AAL EINEN ANDEREN NAMEN
Ambient Assisted Living ist kein leicht verständlicher Begriff, vor allem nicht f��r die Zielgruppe. Stellt das tatsächlich ein Hindernis f��r die Akzeptanz von AAL-Systemen und -Diensten dar? Wir haben Experten befragt.
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UMFRAGE
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DIPL.-PHYS. ING. ROLF JOSKA
Produktmanager AAL, Gira Giersiepen GmbH & Co. KG, Elektro-Installations-Systeme
HANS-PETER BRÖCKERHOFF
Herausgeber von E-HEALTH-COM und Mitglied der Arbeits - gruppe Kommunikation der Innovationspartnerschaft AAL
DR. HEIDRUN MOLLENKOPF
Mitglied im Expertenrat der BAGSO e.V. (Bunde s - arbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen)
DIETRICH GOHLKE
Mitglied der Senior Research Group an der TU Berlin
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>> Gestern war es das intelligente Haus, heute ist es
AAL – Begriffe, die von Forschungseinrichtungen ge- prägt werden. Doch sind sie f��r die Markteinf��hrung von Produkten geeignet? Tatsächlich kann sich kaum jemand aus der Zielgruppe unter der Abk��rzung AAL etwas vorstellen. Die englische Bezeichnung „Ambient Assisted Living�� ist ebenso unverständlich. Statt dessen stigmatisieren sie. Meines Erachtens muss eine deutsche Übersetzung her: „Altersgerechte Assistenzsysteme f��r ein unabhängiges und gesundes Leben��! Altersgerecht wird in der Regel als altengerecht interpretiert, Assi s - tenzsysteme werden von der Zielgruppe oft als ��ber - fl��ssig erachtet, und die Formulierung „gesundes Leben�� assoziiert Lösungen aus dem Bereich Telemedi- zin. Solange wir uns im Rahmen von Forschungs- oder Förderprojekten bewegen, kann der Name AAL durch- aus verwendet werden. F��r eine erfolgreiche Markter- schließung allerdings sind die meisten der dort erarbei- teten Ergebnisse nicht vollständig ��bertragbar. Zwar sind Namen nicht nur Schall und Rauch, wichtiger aber ist die Wahl geeigneter Kommunikationskanäle, die Nutzung bewährter Vertriebswege und die richtige Kundenansprache. F��r die einen ist es eben AAL, f��r mich sind es „Ausgewählte Anwendungen f��r mehr Lebensqualität��! <<
»FÜR DIE ZIELGRUPPE MUSS EINE
VERSTÄNDLICHE DEUTSCHE BEZEICHNUNG HER.«
BRAUCHT AAL EINEN ANDEREN NAMEN
»BESSER KONKRETE INHALTE KOMMUNIZIEREN
STATT EINEN NEUEN GESAMTBEGRIFF ZU SUCHEN.«
»DIE IRRITATION ÜBER DEN NAMEN BIETET DIE
CHANCE, KONKRET NACH ANTWORTEN ZU SUCHEN.«
»NAMEN SIND SCHALL UND RAUCH.
AUF DEN INHALT KOMMT ES AN.«

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FORSCHUNG
er Projektname JUTTA ist eine Kurzform von „JUsT- in-Time-Assistance��. Die Bezeichnung „just in time�� stammt urspr��nglich aus der modernen Or- ganisation des Fertigungsprozesses in der Automobilindustrie, bei der die Bauteile stets zur rechten Zeit und in der genauen St��ckzahl an die be - nötigte Stelle geliefert werden, um den Lagerungsbedarf möglichst ge- ring zu halten. Was aber bedeutet das ��bertragen auf die ambulante Pflege? Was also steckt hinter „JUsT-in-Time- Assistance��? In dem Forschungsprojekt testet der ambulante Pflegedienst ALPHA, eine Tochtergesellschaft des Sozial- werks St. Georg e.V., einen umfassen- den Betreuungsservice jenseits der bis- lang ��blichen starren Organsiation von Pflege, die nach einem fixen Stundenplan erfolgt. Stattdessen soll sich die Pflegeleistung bei JUTTA fle- xibel an den Bedarf anpassen. Das Ziel: Der Kunde soll zuverlässig, aber auch individuell betreut werden und der Pflegedienst kann ��berfl��ssige, weil nicht benötigte Leistungen und damit verbundene Kosten einsparen. Die angebotenen Leistungen um - fassen hierbei nicht nur „klassische�� Pflege- und Betreuungsaufgaben, son- dern auch Leis tungen in Richtung „Servicewohnen�� – vom Einkauf ��ber die Gartenpflege bis hin zu Freizeit - aktivitäten. Wie geht all das? Mit Hilfe moder- ner Assistenzsysteme. Aktuell sind bei JUTTA acht Wohnungen, zwei Wohn- gemeinschaften und ein Tagestreff in Duisburg mit Sensoren ausgestattet worden, die diskret am Bett, im Boden oder am K��hlschrank angebracht sind. Sie messen die Vitalparameter der Bewohner und registrieren Bewe- gungen bzw. Aktivitäten in den Räu- men – ob der K��hlschrank benutzt wird, eine Person sich ungewöhnlich lange im Bad aufhält oder der Herd nicht abgeschaltet wurde. „Auf diese Weise können wir fr��h erkennen, wenn jemand kaum mehr sein Bett verlässt, nur noch wenig isst oder gar gest��rzt ist��, betont Heike Perszewski, die f��r die Fachliche Gesamtleitung von ALPHA zuständig ist. Die Daten werden in einer sogenannten Home Station vor Ort gesammelt und aus- gewertet. Der jeweils aktuelle Stand der Dinge, der Auskunft ��ber den „Zu- stand der Bewohner�� geben soll, wird automatisch an die Service-Zentrale des Pflegedienstes gesendet und in Form einer Assistenzampel visualisiert:
HILFE IM RECHTEN MASS
Das Forschungsprojekt JUTTA testet eine neue Form der ambulanten pflegerischen Quartiersversorgung: Mit technischer Hilfe soll eine individuelle und zeitlich flexible Pflege gewährleistet werden.
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Leuchtet diese gr��n, sagt das den Mitarbeitern der Zentrale, dass in der betreffenden Wohnung alles in Ord- nung ist. Leuchtet sie gelb, signalisiert das einen Handlungsbedarf innerhalb von 24 Stunden. Leuchtet sie rot, wird veranlasst, dass sich sofort jemand auf den Weg zu der betreffenden Woh- nung macht. „Jemand�� kann dabei je nach Ab- sprache ein Nachbar bzw. Angehöri- ger oder aber ein Mitarbeiter des Pflegediens tes sein. Hier greift die zweite Besonderheit des JUTTA-An- satzes: Die Mitarbeiter verrichten ihre Tour nicht nach einem festen Ab- laufplan, sondern sind flexibel ein- setzbar. Mit einem Tablet-PC ausge- stattet, sind auch sie jederzeit ��ber die Farbsignale der Assistenzampel und damit ��ber den Betreuungsbedarf un- terrichtet. Tritt ein akuter pflegerischer Bedarf ein, klärt die Zentrale, welcher der mobilen ALPHA-Mitarbeiter mit seinem Einsatzfahrzeug die Wohnung am schnellsten erreichen kann, und schickt ihn dorthin. Die Touren - planung wird zeitnah dem Bedarf an- gepasst, so dass die Betreuung „just in time" erfolgen kann – zur rechten Zeit im rechten Maß. In der Praxis kann dieser Ansatz nur funktionieren, wenn eine entspre- chend große Zahl von Klienten be- treut wird. Ziel ist also, ganze Quar- tiere mit JUTTA bedarfsgerecht zu ver- sorgen. In der Umsetzung sollen möglichst viele Wohnun gen in einem Quartier die gleiche Grundausstattung erhalten. Je nach Wunsch und Bedarf können die Klienten dann noch Zu- satzmodule wählen. Die Testphase läuft noch bis August dieses Jahres. „Auf Basis der gesam- melten Daten und Erfahrungen wol- len wir ein Geschäftsmodell ent- wickeln, das wir auch anderen Pfle- gediensten zur Verf��gung stellen können��, sagt Heike Perszewski. „Im Grunde testen wir gerade im Kleinen, was später im Großen funktionieren soll.�� Miriam Mirza . Den Pflegebedarf mit einem Blick erfassen und die geleistete Pflege effizient dokumentieren: Bei JUTTA unterst��tzen Touch-Screens die tägliche Arbeit.
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Mit den Farben Rot, Gelb und Gr��n visualisiert eine Assistenzampel den jeweils aktuellen Betreuungsbedarf.
JUTTA testet ein Betreuungsmodell in einem ganzen Stadtteil. Warum das?
Das Sozial- und Hilfesystem verfolgt bereits seit längerem den Ansatz „ambulant vor stationär��. Eine quartiersbezogene Versorgung stellt daher eine gute Alternative dar, um das Sozialsystem zu entlasten, vor allem aber auch, um den W��nschen der alternden Bevölkerung gerecht zu werden. Daher muss der Quartierversorgung ver- stärkt Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Es gibt zahlreiche Einzelprojekte. Wäre es nicht wich- tig, diese f��r eine geeignete Quartierversorgung stär- ker miteinander zu verbinden?
Eine Ergänzung einzelner Projekte ist sinnvoll, in der Praxis jedoch oft noch schwierig. Hier bedarf es erst ein - mal einer eigenen Sondierung. In der Zukunft wäre vor allem die gemeinsame Entwicklung von AAL-Techniken und Wohn- sowie Betreuungskonzepten sinnvoll.
NACHGEFRAGT
Adolf Johannes Kalfhues Projektleiter von JUTTA
DAS PROJEKT
JUST-IN-TIME-ASSISTANCE (JUTTA)
wird vom Bundesministerium f��r Bil- dung und Forschung mit 1,1 Millionen Euro gefördert. Die Projektpartner sind ALPHA gGmbH, ambient assisted living GmbH, Fraunhofer-Institut IMS, inHaus GmbH, SOPHIA CONSULTING & CONCEPT GmbH und Vitaphone GmbH.
Infos: www.just-in-time-assistance.de
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PFLEGE + HOMECARE LEIPZIG
Fachmesse und Kongress f��r professionelle Pflege, Betreuung und Homecare-Versorgung
27. – 29. September 2011
Weitere Infos unter: www.pfl ege-homecare.de
Die PFLEGE + HOMECARE LEIPZIG ist mit Fachmesse und Kongress das heraus- ragende Branchenereignis im Herbst 2011. Hier erhalten Sie einen aktuellen Markt- ��berblick, können sich fit machen f��r zuk��nftige Herausforderungen und den Erfahrungsaustausch mit Kollegen und Fachexperten pflegen. Besuchen Sie Ihren Branchentreff im Herbst 2011! Wir freuen uns auf Sie.
Erstklassige Fortbildung, aktuelle Produkte, wichtige Kontakte
IT und Kommunikationstechnik Technische Assistenzsysteme Ambient Assisted Living (AAL) Intelligente Möbel und Ausstattung Human-Telematik und Telecare
Sonderschau und Vortrags- forum „Innovative Technik f��r die Pflege��
Leipziger Messe GmbH Messe-Allee 1 · 04356 Leipzig Tel.: 0341/678-8233 · Fax: 0341/678-8262 E-Mail: info@pflege-homecare.de
Foto: ALPHA gGmbH

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GESCHÄFTSMODELLE
achstumschancen und Wett - bewerbsvorteile lassen sich am Markt besser erzielen, wenn dem Kunden statt einer isolier- ten Einzelleistung ein integriertes Konzept in Form einer Dienstleistung angeboten wird. Trotz dieses ��ber - einstimmenden Ansatzes haben sich im AAL-Bereich bisher wenige trag- fähige Geschäftsmodelle entwickelt, die diesen Namen auch verdienen. Ein viel versprechender Ansatz scheint die Integration von AAL-Dienstleis - tungen in der privaten Krankenversi- cherung auf Basis von Anwendungs- programmen f��r Smart Phones, kurz „Apps��, zu sein. Bei dem Projekt CrossGeneration geht es darum, dem Kunden bei der Auswahl des passenden Tarifs seiner privaten Krankenversicherung eine neue Möglichkeit zu bieten, durch aktive Gesundheitsvorbeugung ��ber die Laufzeit hinweg Beiträge zu spa- ren. Realisiert wird dieser Ansatz fol- gendermaßen: Der Kunde kann die Anwendung zunächst in einer ko- stenfreien Version testen. Die App dient dabei zur Auswertung ver- schiedener Parameter des Gesund- heitszustandes wie Blutdruck, Blut- zucker und Puls und unterscheidet sich durch vielfältige Auswertungs- methoden von Konkurrenzproduk- ten. Die verschiedenen Gesundheits - parameter m��ssen jedoch in der „Shareware��-Version zur Auswertung analog einge geben werden. Ist der Kunde von der Funktionsweise der App ��berzeugt, kann er neben der Li- zenz zur unbegrenzten Nutzung der App ��ber ein angeschlossenes Web- Portal geeignete Sensoren erwerben, die die Gesundheitsparameter auto- matisiert aufzeichnen und auswer- ten. Dadurch erhält der Versicherte eine attraktive Möglichkeit, jederzeit umfassend ��ber seinen Gesund- heitszustand informiert zu sein. Die eigentliche Innovation steckt je- doch im Anreiz der Versicherung, den Beitrag des Versicherten zu mindern, sofern dieser mit seiner Versicherung Gesundheitsvorgaben (z. B. regelmä - ßigen Sport zur Senkung des Körper- fettanteils oder die korrekte Einnahme von Medikamenten) vereinbart. Hält er die Vereinbarung ein, kann dies zu Bonuszahlungen oder auch zu Tarif- anpassungen f��hren. Als Nachweis ��bermittelt der Kunde die aufge- zeichneten Gesundheitsdaten an die Versicherung. Dieser Mechanismus bietet Vorteile in vielerlei Hinsicht: Der Versicherte wird aktiv zu einer ges��nderen Le- bensf��hrung animiert, erhält gleich- zeitig das nötige Equipment f��r tele- medizinische Dienstleistungen und amortisiert die entstandenen Kosten im Idealfall ��ber geringere Versiche- rungsbeträge. F��r die Versicherung entstehen durch die verbesserte Ge- sundheit des Kunden geringere Kos - ten f��r medizinische Behandlung, wo- durch wiederum niedrigere Beiträge möglich werden. In der Gesamtheit sollte das Konzept außerdem zu einer steigenden Attraktivität des Kranken- versicherungsmodells des Versiche rers f��hren, womit neue Kundengruppen gewonnen werden können. Erlöse werden hierbei f��r den Ver- sicherer durch den Verkauf des neuen Versicherungsmodells, der Lizenz zur zeitlich unbegrenzten Nutzung der
TESTEN, OB ES SICH RECHNET
Wie könnte eine Beteiligung von Krankenversicherungen an der Finan- zierung von AAL-Anwendungen aussehen? Hier stellen zwei Vertreter aus dem Forschungsprojekt CrossGeneration, in dem sich auch die Allianz-Versicherung engagiert, ein mögliches Geschäftsmodell vor.
App sowie der Provision f��r die Ver- mittlung von Sensoren der Koopera- tionspartner generiert. Des Weiteren kann die Versicherung ��ber Provi- sionszahlungen an der Vermittlung von weiteren Premium-Angeboten von Kooperationspartnern in der App sowie Werbeerlösen des angeschlos- senen Web-Portals beteiligt werden. Neben dem Einsatz des beschriebe- nen Anwendungsprogramms in der privaten Krankenversicherung kann diese mit identischer Funktionsweise auch zur Reduzierung von Kosten in der privaten Pflegezusatzversicherung genutzt werden. Gerade bei der Ver- mittlung der Zusatzversicherung an Risikogruppen mit aktuell hohen Beiträgen sollte ein großer Anreiz be- stehen, Beiträge durch geeignete ge- sundheitsfördernde Maßnahmen zu verringern. Das Geschäftsmodell f��r die Versicherung funktioniert dabei analog zu dem beschriebenen Modell der privaten Krankenversicherung. Isabell Dörfler koordiniert das Gesamt projekt CrossGeneration am „Center for Digital Technology and Management�� (CDTM) in M��nchen. Frederik Kerssenfischer vertritt die Allianz-Versicherung in dem Forschungsprojekt.. So erscheint die sogenannte Fit App auf dem Display: Über sie können Bewegungs- und Ernährungsdaten eingegeben werden.
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DAS PROJEKT
CROSSGENERATION wird vom Bundes-
ministerium f��r Bildung und Forschung (BMBF) unter Projektträgerschaft des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) f��r zweieinhalb Jahre gefördert. Das Verbundprojekt arbeitet praxisnah an der Schnittstelle zwischen Mikro - systemtechnik und neuartigen Dienst - leistungs modellen, um älteren Menschen eine Verbesserung von Lebensqualität und Gesund heit zu ermöglichen.
Mehr Infos: www.crossgeneration.info

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IMPRESSUM
das AALmagazin Herausgeber: HEALTH-CARE-COM GmbH in Kooperation mit der BMBF/VDE Innovationspartner- schaft AAL Redaktion: Hans-Peter Bröcker- hoff, Christian Sälzer (v.i.S.d.P.), Ines Jape (Korrektorat) Weitere Autoren: Adriana Bär, Isa- bell Dörfler, Ernst Karosser, Frederik Kerssenfischer, Benno Kotterba, Miriam Mirza, Daniela Peukert Beratung: Birgid Eberhardt Grafik: HEALTH-CARE-COM Illustrationen (S. 12–15): Wolfgang Buechs Fotos (S. 18–21): Volkmar Otto Anzeigen: Marcus Michel Tel.: +49-(0)69 - 405631 - 103 m.michel@health-care-com.de Es gelten die Mediadaten 1/2011 Verlag und Redaktion: HEALTH-CARE-COM GmbH Hanauer Landstraße 135–137 60314 Frankfurt/Main Telefon: +49 (0)69 405631 157 Telefax: +49 (0)69 405631 105 www.health-care-com.de info@aal-magazin.de www.aal-magazin.de Druck: Buch- und Offsetdruckerei H. Heenemann GmbH & Co KG, Bessemerstr. 83–91, 12103 Berlin Auflage und Erscheinungsweise: 20.000 Exemplare, zwei Mal im Jahr Vertrieb: Direktversand an Fach- und F��hrungskräfte in Unterneh- men und Organisationen, Beilage in E-HEALTH-COM Eine Haftung f��r die Richtigkeit der Veröf fent lichun gen kann trotz sorg- fältiger Pr��fung nicht ��ber nommen werden. Eine Verwertung des Maga- zins oder einzelner Beiträge ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig.
ZUKUNFTSFORUM LANGES LEBEN. Auch
die zweite Auflage des Zukunftsfo- rums wird Entscheider der Woh- nungs-, Sozial- und Gesundheits- wirtschaft zusammenf��hren, um innovative Projekte und Produkte sowie umsetzbare Geschäftsmo- delle im demografischen Wandel zu erörtern und voranzubringen. Der Kongress mit begleitender Fach- ausstellung will die wirtschaftlichen Chancen einer älter werdenden Gesellschaft erschließen. Schwer- punktthemen in diesem Jahr sind die Verzahnung von Technik und Dienstleistungen, Wohnen und Wohn umfeld sowie Zukunftstrends in verschiedenen Branchen. 7.+ 8.9. 2011, Hotel InterContinen- tal Berlin. Mehr Infos:
www.zukunftsforum-langes-leben.de REHACARE. Der diesjährige Kon-
gress steht unter dem Titel „Selbst- bestimmtes Wohnen und Pflege zu Hause�� und hat zwei Fokusthemen: „Wohn(t)raum – Komfortables, bar- rierefreies Wohnen f��r alle Genera- tionen�� und „Mit Demenz (zu Hause) leben��. In der Diskussion um altersgerechte Wohnformen ste- hen eine F��lle an Konzepten und Ideen: gemeinschaftliches Wohnen, Wohnen im Quartier, im Miteinan- der der Generationen, zu Hause mit technischer Assistenz und mit Ser- vice. In dem Fokus thema Demenz diskutieren Fachleute aus Wissen- schaft, Pflege, Recht und Sozialwirt- schaft ��ber Krankheitsbilder, aktu- elle Forschungsergebnisse, Unter- st��tzungsangebote f��r Angehörige und Möglichkeiten bei Betreuung und Pflege. 21.+ 22. 9. 2011, D��sseldorf Mehr Infos: www.rehacare.de
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DEMENZ REGIONAL. Die
Alterung der Gesell- schaft bringt es mit sich, dass der Anteil der Menschen mit Demenz an der Gesamtbevölke- rung steigt. In Deutsch- land liegt er heute bei etwas ��ber 1.600 je 100.000 Einwohner. Er d��rfte sich binnen der nächsten dreißig Jahre verdoppeln. Diese Prognosen sind soweit bekannt. Das Besondere an dem jetzt vorgelegten Demenz- Report des Berlin-Instituts f��r Be - völkerung und Entwicklung ist es, dass er diese allgemeine Entwicklung regional differenziert hat. Dabei zeigt sich: Manche Städte und Regionen werden von dem Thema Deemenz wesentlich stärker betroffen sein als andere. So liegt die von Abwan- derung geprägte östlichste Ecke Deutschlands, nahe der Grenze zur Tschechischen Republik, derzeit mit geschätzten 2.190 demenziell Er- krankten je 100.000 Einwohner weit ��ber dem gesamtdeutschen Durch- schnitt. Hier, wie auch in weiten Teilen Ostdeutschlands, d��rfte sich diese Zahl nach den Berechnungen des Berlin-Instituts bereits im Jahr 2025 verdoppelt haben. Die nieder- sächsischen Kreise Cloppenburg und Vechta hingegen bleiben in- folge ��berdurchschnittlich hoher Geburtenzahlen deutlich unter dem Durchschnitt. Aus den erstell- ten „Landkarten der Demenz�� las- sen sich f��r jede einzelne Region der heutige Stand und die Prognose f��r 2025 ablesen. Solche regionale Demenz-Szenarien sollen Entschei- dungsträger in Kommunen und Kreisen darin unterst��tzen, planen und entsprechende Vorkehrungen treffen zu können. So stellt der De- menz-Report Modelle und Initiati- ven vor, die zeigen, wie sich die Kommunen auf die Alterung der Gesellschaft einstellen können.
Demenz-Report, Hg. Berliner-Institut f��r Bevölkerung und Entwicklung, 2011, 82 S. Der Report kann gegen eien Schutz - geb��hr von 6,00 € bestellt werden – per E-Mail an info@berlin-institut.org.
FREUNDIN DES ALTERNS. Der Band
beleuchtet aus psychologischer, medizinischer und ingenieurswis- senschaftlicher Perspektive, wie Technik den Übergang vom mittle- ren zum höheren Erwachsenenal- ter erleichtern und die Alltagskom- petenz im hohen Alter stärken kann. Die Beiträge zeigen, dass die Möglichkeiten weit ��ber eine „Technik der Not�� hinausgehen, die nur zur medizinischen Versor- gung bei Krankheit oder Hilfsbe- d��rftigkeit zum Einsatz kommt. Stattdessen könne Technik ange- sichts des demografischen Wan- dels, so heißt es in dem Buch, eine „echte Freundin des Alterns�� sein.
Altern in Deutschland, Band 6, Al- tern und Technik, Hg. Ulman Linden- berger et. al., Nova Acta Leopoldina 2011
35 AAL-SZENARIEN. Von Frau Apfel-
baum, die ihre demenziellen Ein- schränkungen mit Hilfe eines in - telligenten Rollators kompensiert, ��ber Bert, der von seinem K��hl- schrank daran erinnert wird, seine
SERVICE
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Die Ausgabe 02/2011 des AAL- Magazins erscheint im November 2011. Neben der Vorausschau auf den 4. Deutschen AAL-Kongress wird ein Schwerpunkt auf dem Thema „Robotik�� liegen.
VORSCHAU
TERMINE LITERATUR
AAL-FORUM. Das AAL-Forum 2011
mit dem Titel „Active Ageing: In- novations, Market and EU Initia - tives�� ist die dritte Auflage der eu ropäischen Konferenz, die von dem europäischen Förderprogramm AAL Joint Program (AAL JP) orga- nisiert wird. Kernziele der Veran- staltung sind die Präsentation be- deutender Fortschritte der AAL- JP-Projekte und deren praktische Auswirkung auf den Alltag älterer Menschen. Zum anderen widmet sich das Forum aktuellen EU Initia- tiven, etwa der Europäischen Pilot- Innovationspartnerschaft „Aktives und gesundes Altern�� der Europäi- schen Kommission. 26. 9. 2011, Lecce (Italien) Mehr Infos: www.aalforum.eu
PFLEGE UND HOMECARE LEIPZIG. Mit
der Kombination aus Fachmesse und Kongress bietet die Veranstal- tung f��r Management und Fachper- sonal den wichtigsten Branchentreff Pflege im Herbst. In diesem Jahr gibt es eine Sonderschau samt Vor- tragsforum zum Schwerpunkt „In- novative Technik f��r die Pflege��: von technischen Assistenzsystemen und Ambient Assisted Living ��ber intelligente Möbel bis zur Human- Telematik und Telecare. 27.– 29. 9. 2011, Leipziger Messe Mehr Infos: www.pflege-homecare.de Medikamente einzunehmen, bis zu einem Pla- nungsb��ro, das bei der Ausr��s - tung einer Woh- nung mit AAL- Komponenten auf ein spezielles Softwarewerkzeug zur��ckgreift: In dem Band sind unter Federf��h rung von Dr. Marco Eichelberg vom Ol- denburger OFFIS Institut insgesamt 35 fiktive Geschichten – Szenarien – zusammengetragen, in denen AAL- Anwendungen zum Einsatz kom- men. In ihrer Vielfalt illustriert die Szenariensammlung, wie breit das Spektrum technischer Unterst��t- zungsleistungen bereits ist.
AAL-Anwendungsszenarien, Hg. Ar- beitsgruppen „Schnittstellenintegration und Interoperabilität�� und „Kommunika- tion�� der BMBF/VDE Innovationspartner- schaft AAL, VDE-Verlag 2011, 82 S. Der Band kann auch auf der Website http://partner.vde.com/bmbf-aal unter „Publikationen�� heruntergeladen werden.
TECHNISCHE KON GRESSBEI TRÄGE.
Die im Rahmen der Deutschen AAL-Kongresse veröffentlichten Research Papers genießen in der AAL-Forschungsgemeinde hohes Ansehen. Die Beiträge zu techni- schen Themen, die auf dem dies- jährigen Kongress Ende Januar gehalten wurden, erfahren nun besondere Beachtung. In Springer Science + Business ist eine englisch- sprachige Ausgabe dieser aktuellen Forschungsarbeiten erschienen, nachdem sie einem intensiven Be- gutachtungsprozess durch ein Fach- komitee anerkannter Experten aus Forschung und Lehre unterworfen waren. Der Band bildet die erste Ausgabe der Reihe „Advanced Technologies and Societal Change�� des Verlages.
Ambient Assisted Living. 4. AAL- Kongress, Hg. Reiner Wichert und Birgid Eberhardt, VDE und Springer 2011, 320 S.
Foto: Gesundheitsstadt Berlin

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ie Alltagsmoral sagt: „Das tut man und das tut man nicht!�� Die Ethik fragt: „Warum soll ich das eine tun, das andere lassen? Begr��nde bitte!�� Wie könnte Ambient Assisted Living (AAL) eine menschenw��rdige und also ethische Pflege fördern? Zur Menschenw��rde gehört die Achtung der Autonomie. Pflege soll die Au- tonomie sch��tzen. Technische Hil- fen, die einen Menschen unabhän- giger machen, st��tzen seine Auto- nomie. Wie aber steht es bei all dem mit dem menschlichen Bed��rfnis nach Zuwendung? Technische Errungenschaften können menschliche Zuwendung nicht ersetzen, aber sie können Kraft und Zeit daf��r freimachen. Wenn das Pflegepersonal bei der Auswer- tung der Daten von AAL ��berfordert ist, bindet AAL Kräfte, statt sie frei- zusetzen. Dann heißt es: High tech – low touch. Wollen wir das? Der Monitor zeigt der Pflegekraft gleichzeitig mehrere Signale an, sie kann durch Videobilder in ver- schiedene Zimmer sehen und me- dizinische Daten aufrufen. Dann muss sie immer noch entscheiden, welche Prioritäten zu setzen sind. Wo muss sie jetzt persönlich ein- greifen? Die Interpretationskompe- tenz kann kein Gerät ersetzen. Sie ergibt sich aus Erfahrung und per- sönlicher Kenntnis der Klienten. Pflegewissen gilt zu Recht als syn- thetisches Wissen. Synthetisch nicht im Sinne von k��nstlich, sondern in der Bedeutung einer Zusammen- schau von naturwissenschaftlichen Daten und psychologischem Fin- gerspitzengef��hl, einem Wissen, das dem Menschen gerecht wird, um den es geht. Das Management einer Pflege- einrichtung könnte AAL einf��hren, aus Technikfaszination oder, was wahrscheinlicher ist, aus Personal- mangel. Beides gefährdet die Men- schenw��rde in der Pflege. Sie wird nur gewahrt, wenn es einer Pflege- einrichtung gelingt, ihr Personal in technischem Know-how und gleichzeitig in Menschlichkeit zu schulen..
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Dr. Esther Bollag ist Pastorin mit Schweizer Pass. Sie arbeitet in der evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg. F��r die Ambient Assis - ted Living GmbH hat sie vor einiger Zeit eine „Gutach- terliche ethische Stellungnahme�� zum Thema AAL in der Pflege verfasst.
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LETZTE SEITE
FÖRDERT AAL EINE ETHISCHE PFLEGE?
Eine Frage zum Schluss. Und eine Antwort von Dr. Esther Bollag.
Illustration: Shutterstock

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